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Wie tolerant darf man gegenüber Klimawissenschafts-Leugnern sein?

Vor einigen Tagen schrieb der stellvertretende Chefredakteur des Hamburger Abendblattes, Matthias Iken, einen Kommentar zum Umgang mit Fritz Vahrenholt und Matthias Lüning, den beiden Autoren des neuen "klimaskeptischen" Buches "Die kalte Sonne". Unter der Überschrift "Die intolerante Gesellschaft" fordert er mehr Toleranz gegenüber den Beiden.

"... Morgen sind wir tolerant, tolerant, tolerant
und finden selbst die größten Idioten interessant
wir reichen jedem Arsch die Hand, und was uns stört in diesem Land
das wird ab morgen nicht mehr eine Schweinerei genannt.
Ab morgen sind wir positiv, und nicht mehr so auf dem qui-vive
wir rücken nichts mehr gerade, nein, wir lassen alles schief, na klar!
Fortan glauben wir an Lügen, weil sie in der Zeitung steh'n
greifen nichts mehr mit Kritik an - was geht uns die Politik an?
Haben wir uns nicht schon oft genug die Finger dran verbrannt?
Das wird anders: morgen sind wir tolerant. ...

"

 

Kehrreim aus dem Lied "Morgen sind wir tolerant"

 von Robert Long

Stellt sich zunächst die Frage, wie denn diese Toleranz aussehen soll?

Iken fordert, dass man ihre Thesen diskutiert und diese nicht pauschal verurteilt. Er schreibt, drei Dinge seien bei Höchststrafe geächtet: "Du darfst den Papst nicht loben! Du darfst nicht an der multikulturellen Gesellschaft zweifeln! Und du musst an den Klimawandel glauben." Abgesehen davon, dass Iken offensichtlich das Strafgesetzbuch nicht kennt, denn dort sind selbstverständlich keine Höchststrafen für Dummheit vorgesehen, passt diese Plumpheit gut zu dem weiteren Artikel der nur so von Vorurteilen und Halbwahrheiten strotzt.

Das Zweifeln am Klimawandel ist dumm, denn er findet statt. Es ist auch deshalb dumm, weil notwendige Anpassungsmaßnahmen auch dann stattfinden müssten, wenn der Klimawandel eine natürliche Ursache hätte, also er nicht durch menschenverursachte Entwaldungen, technische Verbrennungsprozesse, Tierhaltung in der Landwirtschaft oder Landnutzungsänderungen zu Begründen ist. Aber aus meiner Sicht ist es auch dumm, einem riskanten Technologiepfad zu folgen, wenn nur die Möglichkeit bestünde, dass dieser in die Katastrophe führt, also die Chance besteht, dass die 97% der Klimawissenschaftler, die den menschengemachen Treibhauseffekt als Ursache des Klimawandels ansehen, doch Recht haben. Aber wie gesagt, für Dummheit gibt es keine Höchststrafe, manchmal wird sie sogar belohnt.

An anderer Stelle schreibt Iken: " Wie  sagte  Francis  Picabia  einst: Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann. In Deutschland regieren allzu oft Quadratschädel." Welche vorbildlichen Länder er wohl im Kopf haben mag? Vielleicht die USA, denn dort verhindern die sogenannten "Klimaskeptiker" eine nationale Klimaschutzgesetzgebung, gesponsert von den Firmen, deren Geschäft die fossilen Energien wie Öl- und Kohle sind. Gerade dort gewinnt man nicht den Eindruck, dass die Extremisten von der Tea-Party tolerant mit Klimawissenschaftlern umgehen.

Überhaupt vermisse ich bei Iken die Tatsache, dass Klimawissenschafts-Leugner mit unfairen Methoden gegen Klimawissenschaftler vorgehen. Denn, da die Leugner wissenschaftlich nicht mithalten können, werfen sie den Wissenschaftlern Verschwörungen und Lügen vor. Sie spionieren ihr Privatleben aus und versuchen sie lächerlich zu machen. Ein Beispiel dafür ist das Hacken und Veröffentlichen privater Emails von Klimawissenschaftlern, um das Ganze dann "Climategate" zu nennen und um die eigenen Verschwörungstheorien zu untermauern. Sicher, das kann man Vahrenholt und Lüning nicht vorwerfen, dass sie versucht haben die Wissenschaftler auszuspionieren, aber das ist die Atmosphäre in der die Auseinandersetzung stattfindet und auch Vahrenhold und Lüning verbreiten Unwahrheiten über die Mehrheit der Klimawissenschaftler.

Also, wie tolerant soll man gegenüber jemandem sein, der Unwahrheiten behauptet? Wenn die Bild-"Zeitung" eine Artikelserie zum Buch unter dem Titel "Die CO2-Lüge" druckt, sollen die Klimawissenschaftler sagen, "ja, das stimmt zwar nicht, aber ich sage nichts dagegen, dass du mich hier verleumdest, denn ich bin ja tolerant"? Das kann man doch nicht im Ernst verlangen. Wenn Unwahrheiten über den eigenen Berufsstand verbreitet werden, muss man sich dagegen wehren. Schließlich geht es um das persönliche Ansehen und damit um die eigene berufliche Existenz.

Ob Iken tatsächlich eine tolerante Gesellschaft will, ist auch zu bezweifeln, hatte er doch die multikulturelle Gesellschaft als Beispiel für ein Sakrileg angegeben, dass es zu debattieren gelte. Denn gerade das gemeinsame Zusammenleben erfordert Toleranz, gegenüber anderen Kulturen und Religionen. Hier möchte er die gesellschaftliche Toleranz aber in Frage stellen. Auch kahle Schädel sind rund und trotzdem sind Skinheads kein Beispiel für Toleranz. 

Letzten Endes zeigt Ikens Kommentar nur eines, nämlich, dass sich in politisch strukturkonservativen Kreisen Ideen durchsetzen können, welche den Stand der Wissenschaft in Frage stellen, allerdings nur dort, wo es gerade passt. Während Atomwissenschaftler angeblich zu den sichersten Atomkraftwerken der Welt beigetragen haben, sind die Klimawissenschaftler schlechte Wissenschaftler. Dies alles erfolgt meist in Unkenntnis dessen, was tatsächlich Stand der Wissenschaft ist und was - für jeden nachlesbar - in den Berichten des IPCC steht. Denn dort hat man sich schon vor Jahren mit den Themen, die Vahrenholt und Lüning wieder aufwärmen, auseinandergesetzt und sogar dazu geschrieben. Es steht alles im Internet.

Entgegen Ikens Vorwurf findet auch jetzt wieder eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Thesen Vahrenholts und Lünings statt. Es gibt ein Wiki, wo die Behauptungen diskutiert werden und auch Klimawissenschaftler wie Prof. Stefan Rahmstorf haben sich inhaltlich mit ihnen auseinandergesetzt. Rahmstorf hat Vahrenholt auch eine Wette angeboten, dass es nicht zu einer Abkühlung, bzw. Verlangsamung der Erderwärmung kommen wird, denn das ist leider für die Wissenschaft schon klar, insbesondere deshalb, weil immer mehr Treibhausgase aus industriellen Prozessen, Waldvernichtung, der Landwirtschaft, Gewerbe, Haushalten und dem Verkehr in die Atmosphäre gelangen. Es werden mehr statt weniger.

Iken schrieb auch, man solle sich nichts dabei denken, dass Vahrenholt und Lüning bei RWE sind. Mag sein, dass da keine Kampagne hintersteckt, aber nützen würde es RWE allemal, wenn es Mehrheiten gäbe, die nun wieder massiv in Kohlekraft einsteigen wollen, statt in regenerative Energien, denn RWE ist der größte CO2-Emittent Europas und hat nur einen lächerlich kleinen Anteil an regenerativen Energien an der Stromerzeugung. RWE will auch neue Kohlekraftwerke bauen und zieht diese dem Ausbau der Regenerativen vor. "Das Sein erzeugt das Bewusstsein", von daher erfordert es wohl auch gar keine Kampagne, wenn hochstehende RWE-Geldempfänger Partei für die Firma ergreifen.

Zu guter Letzt, wie kann man tolerant gegenüber Menschen sein, die aufgrund vager Theorien die Fortexistenz der Zivilisation aufs Spiel setzen? Muss man nicht vielmehr für den Fortbestand der Menschheit kämpfen, also solche Ideen bekämpfen? Mit regenerativen Energien als Grundlage ist man auf der sicheren Seite. Wenn man Kohlekraftwerke baut und sich beim Umstellen auf regenerative Energien Zeit lässt, kann man nur als schlechtes Beispiel dienen, für Länder wie China und Indien, welche sich bei der Art und Weise ihrer Industriealisierung am westlichen Vorbild orientieren.

"An dem Tag, an dem wir voller Ernst sagen können, dass alle Kinder der Welt unsere Kinder sind, da beginnt der Frieden auf Erden."

Hermann Gmeiner

Deshalb beschränkt sich unsere Toleranz auf das moralisch gebotene Minimum, weil wir für unsere Kinder kämpfen müssen und weil alle Kinder dieser Erde unsere Kinder sind.

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