Essay über die Wahrheit
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- Erstellt am Samstag, 16. Juli 2011 09:52
- Geschrieben von Udo Schuldt
Kürzlich wurde auf unserer Facebook-Seite ein Film mit dem Titel „Die Wahrheit ist dir egal!“ gezeigt. Ein wirklich gut gemachter Film, der sehr emotional ist und am Ende wird dann auch „die Wahrheit“ angedeutet. Man würde sie bei den Infokriegern finden, dezent wird auch Nuoviso eingeblendet (der Esoterik-Kanal) und man solle nach Stichworten wie Klimalüge und Aidslüge suchen, dann würde man die Wahrheit erkennen.

Foto: tiegeltuf; Lizenz: CC BY-NC
Offensichtlich befinden sich hier Menschen, nach eigener Auffassung, im Besitz der Wahrheit, was ja nichts anderes heißt, als, dass sie unfehlbar sind und ein Widerspruch bzw. eine differenzierte Betrachtung sinnlos ist.
Was ist überhaupt Wahrheit? Darüber streiten sich die Philosophen seit Jahrhunderten. Einige Beispiele etwas vereinfacht dargestellt:
- Meine Wahrheit ist das was ich sehe und nachvollziehen kann. (Dialektisch-materialistische-Widerspiegelungstheorie)
- Davon unterscheidet sich eine allgemein anerkannte Wahrheit, also eine Sichtweise, die von der Mehrheit der anderen geteilt wird. (Konsenstheorie der Wahrheit)
- Als drittes Beispiel die absolute Wahrheit, nämlich die Wahrheit der Dinge wie sie tatsächlich sind.
Diese absolute Wahrheit können Menschen aus verschiedenen Gründen nicht erkennen, z.B. weil sie kein Atom sehen können (das ist viel zu klein) - was wir benutzen sind Atom-Modelle - oder weil sich die Dinge zum Zeitpunkt des Sehens bereits verändert haben (siehe Heisenbergsche Unschärferelation). An die absolute Wahrheit kann es also nur Annäherungen geben.
Manche Dinge sind auch so komplex, z.B. das Klimasystem der Erde, dass Wissen darüber auch nicht als absolute Wahrheit angesehen werden kann. Es geht hier also ebenfalls um Annäherungen an diese. Schaut man sich die Berichte der Klimawissenschaftler, z.B. die des Weltklimarates, an, dann findet man auch nie die Aussage, dass bestimmte Erkenntnisse wahr sind, sondern die Wissenschaftler setzen „sehr hohes Vertrauen“ in ihre Ergebnisse oder auf der anderen Seite „sehr geringes Vertrauen“ . Gesicherte Erkenntnisse sind auch niemals absolut, sondern es wird erwartet, dass sie von „Unsicherheiten eher nicht beeinflusst“ werden. Sie treten „sehr wahrscheinlich“ oder „wahrscheinlich“ auf. Viele Dinge sind auch „unsicher“. Keine Rede also davon, dass die Klimawissenschaft im Besitz „der Wahrheit“ ist. So drücken sich Wissenschaftler gerade nicht aus. Von daher ist der Begriff „Klimalüge“ eine Lüge, weil die Klimawissenschaft keine Wahrheit verkündet.
Also, wenn jemand behauptet, im Besitz einer komplexen Wahrheit zu sein, dann kann man schon mal getrost davon ausgehen, dass er lügt. Skepsis ist also angebracht gegenüber Nuoviso und den Wahrheitskriegern. Besser, dieser Szene glaubt man erst mal gar nichts.
Link: Film - „Die Wahrheit ist dir egal!“
Siehe dazu auch den lesenswerten Beitrag der Science-Blogs: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit

