Das Einspeise- und Umlagesystem für Strom aus erneuerbaren Energien war nie für reine Ökostromanbieter gedacht. Der Nachfrageboom nach Ökostrom könnte ihnen bald zu schaffen machen - soziale Schieflage inklusive.


Wind- und Solarenergie auf Fehmarn (Foto: Udo Schuldt)

 

„Atomausstieg selber machen!“. Die seit Jahren laufende Kampagne von Umweltverbänden hat viele umweltbewusste Stromkunden gelockt, erst recht nach Fukushima. Mit ein paar Mausklicks kann man vom Stadtwerk oder einst gewählten Billig-Stromanbieter zu den Guten wechseln. Unternehmen wie Lichtblick, Greenpeace Energy, Energiewerke Schönau (EWS) oder Naturstrom garantieren atomstromfreie Elektrizität aus der Steckdose, zertifiziert vom TÜV, Wissenschaftlern und Umweltverbänden.

Hundert Prozent Erneuerbare, also Strom aus Wasser, Wind oder Biogas ist das Credo. Bei einigen ist auch ein kleiner Anteil von Strom aus hocheffizienten Gaskraftwerken mit umweltfreundlicher Kraft-Wärme-Kopplung erlaubt.

Wer bei den Marktführen der Ökostrombranche gebucht hat, denkt an eine Versorgung von glänzenden Solardächern nebenan, von stolzen Windkraftanlagen in der Uckermark oder aus Biogasanlagen in Niedersachen.

Pustekuchen. Drei der genannten Anbieter beziehen ihren Strom vollständig aus dem Ausland.

Ökostrom aus der Ferne aufgrund des heimischen Systems

EWS bezog beispielsweise im letzten Jahr zu 99,5 Prozent aus norwegischen Wasserkraftwerken. Greenpeace Energie steht dagegen auf Strom aus den Alpen. 98 Prozent des Portfolios wurde 2010 aus Laufwasserkraftwerken in Österreich gedeckt, die restlichen zwei übernehmen Windkraftanlagen - ebenfalls in Österreich. Branchenprimus Lichtblick schließlich ordert die Elektronen zu 60 Prozent aus Norwegen und zu 38 Prozent aus Österreich, jeweils aus Wasserkraft. Zwei Prozent kommt gar von Erzeugern, die im fernen Finnland Strom aus Biogas machen. Die Eigenerzeugung alle dieser Anbieter liegt unter 0,1 Prozent. Sie sind de facto Stromhändler, keine Produzenten.

Die Ökostromer machen aus den Importen auf Nachfrage kein Geheimnis. Auf der Straße geworben wird aber eher mit dem sauberen Strommix, als damit, wo er erzeugt wird. Denn das Mantra der Antiatombewegung heißt dezentrale und möglichst regionale Erzeugung von Grünstrom. Da passen die Ferntransporte schlecht ins Bild.

Die Stromeinfuhr von Weitweg ist nicht ganz freiwillig. Denn die Gesetze haben eine Direktvermarktung von heimischem Ökostrom lange unmöglich gemacht. Schließlich folgt das Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG) im Kern einem anderen, allerdings bislang erfolgreichen Ansatz: Im Grundsatz unterliegt Strom aus regenerativen Energien einem Einspeisevorrang. Die Betreiber der Übertragungsnetze - überwiegend Unternehmen der großen fossil-atomaren Stromkonzerne - sind verpflichtet, den Ökostrom noch vor Kohle- oder Atomstrom ins Netz zu drücken, und zwar zu zwanzig jahrelang festen, in der Regel kostendeckenden Vergütungssätzen. Das schafft Investitionssicherheit und gilt international als Grund für die förmliche Explosion der Erneuerbaren im deutschen Stromnetz. Damit in diesem geschützten Markt die Anlagenbauer wach und innovativ bleiben, sinken die Einspeisetarife für Neuanlagen jedes Jahr nach einem im EEG festgelegten Pfad.

Da Ökostrom immer noch deutlich teurer erzeugt wird als Strom aus Kohle oder AKWs (die Umweltkosten schlagen ja hier nicht zu Buche), fallen beim Netzbetreiber Zusatzkosten an. Die werden über ein Umlagesystem an alle Stromkunden weiter gegeben. So wird der Mehraufwand gleichmäßig auf alle Stromverbraucher verteilt, Unterschiede in Erzeugungsart und –kosten werden nivelliert. Besser gesagt der Aufwand wird auf fast alle verteilt, denn energieintensive Unternehmen sind beinah vollständig von der so genannten EEG-Umlage befreit. Alle anderen zahlen für dafür rund 0,7 Cent mehr, das sind immerhin 20 Prozent Zuschlag. Eine zweifelhafte Bevorzugung, die ab nächstes Jahr auf noch mehr Unternehmen ausgeweitet werden soll. 300 Mio. Euro werden die privaten Haushalte über die dadurch steigende EEG-Umlage zusätzlich zu berappen haben. Aber das ist eine andere Geschichte …

Der grüne Strom selbst wurde noch bis letztes Jahr allen Versorgungsunternehmen zugewiesen. Egal ob im Hauptgeschäft überwiegend Atomstrom-, Kohle- oder Ökostrom vertickt wurde: Eine Strommenge, die dem Anteil der Erneuerbaren im bundesweiten Strommix von rund 17 Prozent entspricht, mussten allen übernehmen. Die Vertriebstöchter von RWE oder Eon genauso wie die Ökostromvertreiber Lichtblick oder EWS.

Das hat sich letztes Jahr geändert. Die Übertragungsnetzbetreiber sind nun verpflichtet, den aufgekauften EEG-Strom direkt an der Leipziger Strombörse zum jeweiligen Großhandelspreis zu vermarkten, egal an wen. Die komplizierte Aufteilung auf die Versorger ist Geschichte. Das Prinzip der Kostenumlage bleibt jedoch erhalten, obwohl alle Ökoenergie anonym im Stromsee versinkt: Die Differenz zwischen den niedrigen Erlösen aus dem verkauften Ökostrom und den vorher gezahlten hohen Einspeisetarifen tragen alle Stromkunden; auch die Ausnahmen für die Industrie sind geblieben.

Am Rande sitzend

Die resultierende EEG-Umlage wird jährlich von den Netzbetreibern ermittelt und landet auf der Stromrechnung. Momentan beträgt sie 3,53 Cent je kWh. Rund 60 Prozent davon gehen auf Kosten der noch sehr teuren, aber stark wachsenden Photovoltaik (PV). Deren Erzeugung wird gegenwärtig mit bis zu 28 Cent je kWh vergütet. Zum Vergleich: Dieselbe Menge Windstrom ist nach dem EEG schon für um die 9 Cent zu haben, Strom aus Wasserkraft kostet zwischen 3,5 und 12,7 Cent.

Der Logik des Systems folgend sitzen reine Ökostromvertreiber seit jeher am Rand des Geschehens. Ihnen war es schließlich wirtschaftlich unmöglich, teuren EEG-geförderten Ökostrom direkt von Windmüllern oder gar Betreibern von PV-Anlagen aufzukaufen. Denn sie wären jenseits des EEG-Umlagesystems auf den Differenzkosten sitzen geblieben. Wer will schließlich schon für Ökostrom wesentlich mehr zahlen, als für konventionellen? Das Geschäftsmodell von Lichtblick, Greenpeace Energy oder EWS bestand deshalb von Beginn an darin, grüne Elektrizität dort aufzukaufen, wo sie überaus billig produziert werden kann. So billig, dass die Kosten schon jetzt in der Nähe des Großhandelspreises für Strom liegen. Letzterer wird in der Regel dadurch bestimmt, wie teuer die Brennstoffe, CO2-Kosten und laufende Kosten von Steinkohlekraftwerke sind. Er schwankte beispielsweise im letzten Quartal am Spotmarkt zwischen 4 und 7 Cent je kWh. Demnach kommen für die Ökostromhändler preislich hauptsächlich größere Wasserkraftwerke in Frage. Und zwar vornehmlich Wasserkraftwerke im Ausland, da sich fast alle preiswerten inländischen in der Hand der Erzfeinde befinden - von Atomkonzernen wie Eon oder EnBW.


Windenergieanlage in Hamburg-Wilhelmsburg (Foto: Udo Schuldt)

Um Ökostromhändlern und anderen Vermarktern eine Chance zu geben, heimischen EEG geförderten Strom marktnah und direkt zu handeln, hat das Parlament im EEG das so genannte Grünstromprivileg geschaffen: Stromhändler sind von der Zahlung der EEG-Umlage an den Übertragungsnetzbetreiber befreit, wenn sie - bezogen auf die gesamte von ihnen gelieferte Strommenge - mindestens 50 Prozent Strom aus EEG-Anlagen an Letztverbraucher liefern. Dieser Kostenvorteil erlaubt es Unternehmen (je nach EEG-Stromanteil), heimischem Ökostrom zu Preisen von bis zu zehn Cent je kWh aufzukaufen - und trotzdem noch Gewinn zu machen. Damit finden in Deutschland plötzlich mittelgroße Wasser- und Windkraftanlagen den Weg in die Direktvermarktung. Genauso wie der Strom aus einem Teil der Biomasseanlagen sowie aus Deponie-, Klär- und Grubengas.

Soziale Schieflage durch Grünstromprivileg

Es ist ein direkter Weg, aber ein Weg der am EEG-Umlagesystem vorbeigeht, was eine soziale Schieflage erzeugt. Das Instrument schafft zwar eine engere Bindung zwischen der Erzeugung von heimischen Ökostrom und dem Verkauf dieser Energie an hiesige Endkunden. Doch mit dem Grünstromprivileg wird ausgerechnet jener Ökostrom aus dem EEG heraus gekauft, der am preiswertesten herzustellen ist. In der Folge steigt die EEG-Umlage für sonstige Stromabnehmer. An der Finanzierung der teuren Photovoltaik, kleinerer Biomasseanlagen oder der Windkraft auf See beteiligen sich nur noch die Übriggebliebenen. Kunden von Stadtwerken etwa, die den städtischen Unternehmen vielleicht auch deshalb die Stange halten, weil deren Überschüsse den ÖPNV oder die Schwimmhalle mitfinanzieren.

Auf ein halbes Cent, also rund 20 Euro für eine Familie im Jahr, schätzt Frank Sensfuß, Experte für Erneuerbare Energien am Fraunhofer ISI-Institut in Karlsruhe, die Summe, die der Endkunde zusätzlich zu zahlen hätte, sollten tatsächlich alle Anlagen das Privileg nutzen, für die es sich nach den derzeit gültigen Regeln rechnet. Und das muss noch nicht das Ende sein. „Das Solidarsystem des EEG wird ausgehöhlt“, warnt der Wissenschaftler.

Sensfuß sieht ein weiteres Problem, das vielleicht noch schwerwiegender ist: Für die Erneuerbaren werde stets mit dem Argument geworben, ihre Kosten würden mit Massenfertigung und Technikentwicklung sinken, was auch beim Verbraucher ankommen würde. „Erstes stimmt, letzteres aber verhindert genau das Grünstromprivileg“. Jeder Produktivitätsfortschritt führe vielmehr dazu, dass für eine immer größere Gruppe von Anlagen diese Sonderregelung profitabler sei, als im solidarischen EEG-Umlagesystem zu bleiben. Dadurch würde die Umlage auf höherem Niveau verharren. Denn die Kostenersparnis wandere aus dem EEG-System heraus, erklärt er. Profitieren würden dafür die Nutzer des Grünstromprivilegs, auch durch Mitnahmeeffekte.

Theoretisch könnte bereits jetzt die gesamte Binnenland-Windkraft unter das Dach des § 37 EEG rutschen, der das Grünstromprivileg regelt. Das es trotz Wirtschaftlichkeit nur ein Teil macht, liegt vor allem an der Unsicherheit über die Zukunft der Vorschrift. Diese wackelt auch deshalb, weil das Grünstromprivileg weitere Probleme bereitet. Denn warum eigentlich, fragen Manche, wird bei Vertriebsmodellen nach § 37 jenseits der Ökobranche auch der dreckige Anteil an Kohle- oder Atomstrom von der EEG-Umlage befreit, mit welchem die Differenz zur Vorgabe von mindestens 50 Prozent Ökostrom aufgefüllt werden kann? Das kostet Geld, welches für die Energiewende sinnvoller eingesetzt werden könnte, zumal die Kosten des EEG so auf immer weniger Schultern verteilt werden. Zudem wird von umtriebigen Vermarktern Schindluder getrieben. Mit viel Phantasie umgehen sie genau jene Vorschriften, die die Anlagenbetreiber dazu bringen sollen, erneuerbaren Strom möglichst zeitgleich zum Verbrauch zu erzeugen. Ferner sollen größere Stromversorger auch Tochterfirmen gebildet haben, die die erzeugte Strommenge so portionieren, dass am Ende stets ein Päckchen Grünstromprivileg herauskommt.

Weil selbst die Bundesregierung fürchtete, § 37 EEG könnte die EEG-Umlage nach oben treiben und damit der Akzeptanz der Erneuerbaren schaden, zog sie im letzten Frühjahr das erste Mal die Reißleine. Die Befreiung von der EEG-Umlage wurde ab Anfang 2012 gesetzlich auf zwei Cent begrenzt, ihr wirtschaftlicher Vorteil damit um ein Drittel reduziert. Mit der gerade laufenden EEG-Novelle will die Koalition noch weiter gehen: Die Versorger sollen verpflichtet werden, nicht nur weiterhin mindestens die Hälfte Ökostrom aus EEG-Anlagen zu liefern, um das Privileg nutzen zu können. Sie sollen im Monatsmittel auch wenigstens 30 Prozent fluktuierenden Strom anbieten müssen. Das ist naturgemäß stärker schwankender Strom aus Windkraft oder Photovoltaik, der im Verkaufsmix deutlich schwieriger zu handhaben ist als Strom aus Wasserkraft oder Biomasse. Außerdem ist er teurer. Ferner sollen für die Nutzer des Privilegs vermiedenen Netzentgelte bei dezentralen Einspeisung nicht mehr angerechnet werden und die Definition des gelieferten Stroms wird strikter.

Würden alle Änderungen zusammen so vor der Sommerpause beschlossen, so Branche und Experten, wären dies Todesstoß für die Vermarktung mit Grünstromprivileg, war am 8. Juni bei der EEG-Anhörung im Bundestag zu vernehmen. Sollte dies stimmen, so kämen nicht nur Schwarze Schafe in Bedrängnis. Auch das Geschäftsmodell des Ökostromanbieters Naturstrom könnte wackeln. Das von Umweltverbänden gegründete Düsseldorfer Unternehmen bezieht als einziges größeres der Branche seinen Ökostrom vollständig aus Deutschland, weil es das Grünstromprivileg nutzt. Zu 60 Prozent bezieht das Unternehmen seinen verkauften Strom von kleineren und mittleren EEG-Anlagen, der Rest kommt aus preiswerten Wasserkraftwerken an Inn und Weser.

Billiger Wasserkraftstrom wird knapp - und die Alternative dazu wackelt

Einen Protestbrief an die Abgeordneten hat indes nicht nur Naturstrom unterschrieben. Auch EWS und Greenpeace Energy sind Unterzeichner. Denn diese schielen ebenfalls auf die EEG-Grünstromvermarktung. Kein Wunder, denn durch den europaweiten Run auf die Ökoenergien nach Fukushima ist preiswerter „freier Ökostrom“ aus dem Ausland kaum noch zu haben. „Der Markt für Strom aus Wasserkraft in Norwegen ist derzeit fast dicht“, bescheinigt etwa ein Mitarbeiter vom Stromerzeuger Statkraft Deutschland, dessen Mutterunternehmen in Oslo sitzt. Die Ingolstädter Stadtwerke wiederum haben sich jüngst um Ökostrom aus Österreich bemüht – erfolglos. Das korrespondiert mit einem Anruf beim Wiener Versorger Ökostrom AG. „Derzeit ist es schwierig, für die nächsten beiden Jahre größere Mengen aus heimischer Wasserkraft zu beschaffen“, sagt Stromhändler Friedrich Diesenreiter. Das Angebot an Wasserkraftstrom gebe das nicht her. Vor allem, weil die österreichische Politik nach Fukushima den Anteil von Kohle- und Atomstrom in den Portfolios der Landes-Energieversorger senken wolle. Der heimische grüne Strom soll in der Alpenrepublik bleiben, und nicht nach Deutschland oder Italien wandern.

Eine andere Frage ist, wie lange es sich die Naturschützer in Österreich gefallen lassen, dass an Spitzentagen bis zu 60 Prozent des sauberen österreichischen Stroms an die Nachbarn verkauft wird. Dabei geht es nicht nur um Eingriffe wegen neuer Laufwasserkraftwerke in die letzten freien Fließstrecken, erläutert Cornelia Maier, Projektleiterin Wasser im Umweltdachverband Österreich. Deutschlands Energieversorger würden auch gerne noch mehr Pumpspeicherwerke des Nachbarn nutzen. Wurde in solchen Anlagen bislang nachts bundesrepublikanischer Atomstrom veredelt, soll dort zunehmend auch schwankender Windstrom aus Norddeutschland oder Solarstrom aus Bayern zwischengelagert werden. „Betroffen wären unsere letzten 15 Prozent naturnaher Gewässerstrecken“, so Maier.

Am Wasserkraftmarkt wird es also eng. Auf Anfragen bestreiten offiziell zwar Lichtblick, EWS oder Greenpeace Energy Engpässe beim Stromeinkauf. „Es ist schwieriger geworden, aber es geht“, fasst Kirsten Brodde von Greenpeace Energy zusammen. Die Unternehmen verweisen auf traditionelle gute Geschäftsbeziehungen bzw. bereits langfristig gesicherte Kaufoptionen. Hinter vorgehaltener Hand ist jedoch von Mitarbeitern zu vernehmen: Schon mittelfristig könnte es Probleme geben, jenseits der Grenzen zusätzlichen grünen Strom zu ordern. Über kurz oder lang müssen die Ökostromanbieter einen erheblichen Teil ihrs Wachstums folglich mit sauberer Elektrizität heimischer Herkunft bedienen. Lichtblick strebt dann auch „eine stärkere Direktvermarktung von EEG-Strom an“, erklärt Pressesprecher Ralph Kampwirth. Das Dilemma der Neuausrichtung: Fällt hierzulande das Grünstromprivileg, so haben die Ökopioniere ein fettes Problem. Bleibt es bestehen, wandern die Vorreiter in ein fragwürdiges System.

Ökostrom plus?

Die Verdienste der alternativen Stromhändler für die Energiewende sind unbestritten. Nicht umsonst wurde dem EWS-Geschäftsführer-Ehepaar Sladek gerade das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Der Druck auf die überkommene Energiewirtschaft und Politik hat durch die Stromrebellen von EWS, die Öko-Unternehmer von Lichtblick, die Genossenschaftler von Greenpeace Energy oder die Umweltaktivisten von Naturstrom betriebswirtschaftliche Wucht bekommen. Allein die Drohung, notfalls den Anbieter wechseln zu können, hat manchem Stadtwerkechef Beine gemacht, die Stromerzeugung weniger umweltschädlich zu gestalten.

Zudem haben sie stets versucht, ihre Importstrategie billigsten Ökostroms mit der finanziellen Förderung einzelner inländischer Erzeugungsanlagen zu verbinden. Doch ihr eigentliches Geschäft bleibt der Handel mit Ökostrom. Geht die Entwicklung hier weiter zum Grünstromprivileg, wird dieses den preiswertesten Ökostrom vom Markt saugen. Dritte berappen dafür zusätzlich, um auch Photovoltaik oder Geothermie zum Durchbruch zu verhelfen. Draufzahlen werden wohl vor allem die, die für einen Stromanbieterwechsel nicht flexibel genug sind. Weniger Gebildete etwa, oder Ältere, meist mit niedrigem Einkommen. Paradoxerweise verschärft sich dieses Problem mit jedem Prozent Zuwachs Marktanteil, den Ökostromanbieter den Konzernen abjagen. Natürlich auch mit jedem zusätzlichem konventionellen Versorger, der Öko- und Graustrom mixt. Wie lange würde das Gutgehen?

„Wäre es nicht ehrlicher, wenn Diejenigen, die sich mit dem Ökostromlabel schmücken wollen, auch einen vernünftigen Strommix von Erneuerbaren ordern könnten und dafür einen Preis zahlen würden, der einem hochwertigen Ökoprodukt entspricht?“, fragt Fraunhofer-Forscher Sensfuß. Wahrlich, hundert Prozent sauberer Strom zum Preis von fossil-atomaren, da kann irgendwas nicht stimmen.

Das klassische EEG-Umlagesystem dagegen ist - abgesehen von der obskuren Befreiung der energieintensiven Industrie und einigen anderen Webfehlern - nicht nur wirkungsmächtig für die Energiewende, sondern auch gerecht. Zumindest als Stadtwerkekunde braucht man sich unter Umweltbewegten folglich nicht zu schämen, sofern die Atomkonzerne nicht ihre Hand im Geschäft haben. Seinen Beitrag für die heimische Energiewende zahlt man mit jeder Stromrechnung. Die Gewinnausschüttung für billige Busse oder geöffnete Schwimmhallen gibt‘s obendrauf.

(Der Autor ist seit Jahren Kunde von EWS)

 

Lesen sie die Vorschläge des Bundesverbandes Erneuerbare Energien, um das Grünstromprivileg zu retten.

Hier finden Sie den Gesetzentwurf der Koalition zur Novelle des EEG.