Green Economy ist mehr… Warum eine zukunftsfähige Ökonomie geschlechtergerecht sein muss

In Rio de Janeiro findet in wenigen Wochen die Rio+20 Konferenz statt. Ein thematischer Schwerpunkt wird das Konzept der „Green Economy“ sein, einer Wirtschaftsweise, die „menschliches Wohlergehen steigert und soziale Gerechtigkeit sicherstellt, während gleichzeitig Umweltrisiken und ökologische Knappheiten erheblich verringert werden“– so zumindest das vollmundige Versprechen der UNEP (Umweltprogramm der Vereinten Nationen).


© UNCSD2012

 Die UN-Konferenz für Umwelt & Entwicklung hat vor 20 Jahren am gleichen Ort Geschichte geschrieben. Auch, oder aus unserer Sicht: vor allem, aus der Perspektive von Frauen.

Diese hatten im Vorfeld fundamentale Kritik am gängigen Entwicklungsmodell formuliert und ihre dezidierte Teilhabe an den Verhandlungen gefordert. Letzteres wurde erreicht, die fundamentale Kritik setzte sich, wie man sich denken kann, nicht durch. Die UNCED prägte das Konzept der nachhaltigen Entwicklung, Rio plus 20 kommt jetzt mit dem Konzept Green Economy daher – eines so schwammig wie das andere und mit viel Raum für Interpretationen. Bei aller Unterschiedlichkeit des Verständnisses von „Green Economy“ – es gibt so etwas wie gemeinsame „Bedeutungskerne“ (Uli Brandt), die sich durch alle Konzepte hindurch ziehen, und die heißen Wachstum – Technologie und Wettbewerbsfähigkeit. Und es gibt eine weitere Gemeinsamkeit: allen Konzepten zur Green Economy fehlt jegliche Frauen- und / oder Geschlechtergerechtigkeitsperspektive.

Vor diesem Hintergrund haben wir: genanet – Leitstelle Gender, Umwelt, Nachhaltigkeit gemeinsam mit dem Deutschen Frauenrat und seinen Mitgliedsverbänden uns aufgemacht, uns einzumischen und Frauen- und Genderperspektiven für ein grünes – oder besser nachhaltiges – Wirtschaften zu formulieren und zu diskutieren.

Einige Aspekte sind uns besonders wichtig, auf die ich im Folgenden kurz eingehen möchte:

Green Economy ist mehr als das, wonach es auf den ersten Blick aussieht. Es geht nicht nur um ein ‚begrünen‘ der Güterproduktion, sondern um ein anderes Wirtschaften, bei dem alle Bereiche gesellschaftlicher Arbeit – auch die, die keine am Markt zu handelnden Waren produziert – einbezogen sind, die darüber hinaus die Produktivität der Natur als Grundlage allen Wirtschaftens anerkennt. Mit diesem umfassenden Konzept eines nachhaltigen Wirtschaftens eröffnen sich neue Chancen darüber nachzudenken, was “gutes Leben“ ist: Immer mehr arbeiten um immer mehr Geld zu haben um immer mehr konsumieren zu können? Oder weniger, aber gesellschaftlich gerecht verteilt arbeiten, soziale Netzwerke stärken, Zeit für das zu haben, was jeden Einzelnen/jede Einzelne bewegt und was zukunftsfähig ist.

Das bedeutet, dass für ein grünes und nachhaltiges Wirtschaften nicht nur Technologieentwicklung und Energiewende wichtig sind (die sind unbenommen auch wichtig), die größere Herausforderung ist aber, dass wir eine sozial-ökologische Transformation brauchen (WBGU-Gutachten), die tiefgreifende Veränderungen in allen Bereichen voraussetzt – ob es um Infrastrukturen, Produktionsprozesse, Bildung oder Lebensstile geht. Fairness und Gerechtigkeit muss dabei nicht nur im globalen Rahmen, wo es gern und viel diskutiert wird, sondern auch national als Prinzip im Mittelpunkt stehen.

Kurz, ein grünes, nachhaltiges Wirtschaftsmodell muss das Ausgeschlossene UND die Ausgeschlossenen einschließen – dazu gehört die Genderperspektive, und dazu gehören auch die Frauen. Gleichermaßen müssen bisher blinde Flecken einer technologiefixierten und marktorientierten Perspektive, wie sie sich in den meisten Green Economy Konzepten zeigt, aufgedeckt werden: Wer sind die GewinnerInnen und VerliererInnen, wer profitiert von diesem engen Korsett einer Green Economy? 

Nicht nur in der Enquete-Kommission des Bundestages wird darüber diskutiert, wie (oder ob) Wachstum – Wohlstand und Lebensqualität zusammenhängen. Die Hoffnung, dass „grünes Wachstum“ die Welt rettet, zieht sich nach wie vor durch die meisten Green Economy-Konzepte. Aber führt wirtschaftliches Wachstum wirklich zu mehr Wohlstand (und wenn ja, für wen?) und mehr Lebensqualität? Die Forschung sagt: nein, weder noch. Lebensqualität, Glück, Zufriedenheit sind ab einem relativ niedrigen (mittleren) Niveau der finanziellen Existenzsicherung nicht mehr vom Einkommen abhängig. Wenn wir dem folgen, müssen wir dringend die Frage stellen, welches Wachstum wir brauchen und wo wir Wachstum brauchen. Z.B. bei der Bildung, dem gesellschaftlichen Zusammenhalt, der Gerechtigkeit natürlich, der Umweltqualität… um nur einige Beispiele zu nennen. Und wir müssen uns die Frage stellen und beantworten, welche Produkte wir wirklich brauchen. → Das heißt, wir müssen unsere politischen und gesellschaftlichen Debatten fokussieren auf die Frage: Was muss wachsen, was muss reduziert werden? → Oder andersrum: statt immer weitere Produkte zu entwickeln und zu verbreiten, die wir nicht brauchen, sollten wir unsere Kreativität lieber in Konzepte stecken, wie eine Gesellschaft ohne diese Form von Wachstum aussehen und funktionieren kann.

Gleichwohl müssen wir das, was wir brauchen, ressourcenarm und emissionsfrei produzieren (hier ist noch deutlicher Entwicklungsbedarf und auch dies ist ein Bereich, wo wir Wachstum brauchen), und dabei Rebound Effekte vermeiden, also das, was wir einsparen, nicht in weiteren Konsum umsetzen. Kurz: wir müssen effizienter produzieren UND suffizienter leben. Auch hier: beides braucht Frauen und muss bei der Ausgestaltung Genderdimensionen berücksichtigen. Zentraler Aspekt der Genderdimension nachhaltigen Wirtschaftens ist, dass sie ausgehen muss von der Care-Perspektive der Lebensprozesse, also der Ausrichtung wirtschaftlichen und politischen Handelns an einer Für- und Vorsorgerationalität – die sich orientiert an der Sorge für Menschen, an Bedürfnissen und Wohlergehen der heutigen und künftiger Generationen, national wie global – aber auch an der Sorge für die Natur, ohne die eine nachhaltige Sicherung der Lebensgrundlagen gar nicht denkbar ist. Das heißt, wir sehen die Care-Economy = Sorge-Ökonomie als Grundlage nicht nur der (Re)Produktion der Arbeitskraft – mit all ihrer problematischen und zunehmenden Verlagerung in den unbezahlten Privatbereich, sondern auch als PRINZIP, auf dem Wirtschaft und Umweltschutz basieren müsste.

Mit diesem Thema befassen wir uns ausführlich in einem Hintergrundpapier das diskutiert, was es bedeutet, wenn das ‚Care‘-Prinzip auf wirtschaftliche Verwertung z.B. von Natur angesetzt wird. Dem stehen allerdings die Forderungen im aktuellen Verhandlungsdokument für Rio+20 diametral gegenüber: da geht es um die Verwandlung von natürlichen Ressourcen wie Wald, Boden oder Biodiversität in „Naturkapital“, das damit handelbar wird und sich in Finanzmarktprodukte umbauen lässt. Das soll nicht nur die Umwelt retten, sondern auch und vor allem die Finanzwirtschaft. Bei unserem Verständnis von ‚care‘ – Vorsorge und Fürsorge – stehen die in, mit und von diesen Naturessourcen heute und in Zukunft lebenden Menschen im Vordergrund, nicht die Märkte. 

Wir haben bei unserer Arbeit zwar den Schwerpunkt auf die Situation in Deutschland gelegt, das hindert uns aber nicht, unsere Freundinnen und Kolleginnen in der internationalen Frauenbewegung bei ihren Bemühungen zu unterstützen, die Konferenz in Rio zu einem Erfolg werden zu lassen. Deshalb möchte ich mit einem Aspekt enden, der auf die globale Dimension verweist. Uns allen ist bewusst, dass das Drehen an einer Stellschraube Auswirkungen an anderen Stellen des Systems hat: So ist es auch, wenn wir unseren Konsum – vor allem den umweltschädigenden – reduzieren. Das hat möglicherweise Auswirkungen auf die Lebenssituation der Menschen (und es sind in großem Ausmaß Frauen) in den Entwicklungsländern, die die Produkte herstellen. Laut aktueller Studie des SEI (Stockholm Environmental Institute) bedeutet 10% Emissionsminderung durch verringerten Konsum bei uns 5% weniger BIP und damit auch geringere Pro-Kopf-Einkommen in den produzierenden Entwicklungsländern (vor allem in den LDCs). Auch hierfür müssen Lösungen gesucht werden. Die hieße in diesem Fall beispielsweise, dass weniger kaufen einhergehen muss mit höherwertig kaufen (und höherwertig produzieren und Arbeitskraft bezahlen in den Herkunftsländern der Produkte). 

  • Soweit einige unserer Diskussionspunkte. Ausführlicher können Sie diese in den bereits veröffentlichten Papieren nachlesen. Wie geht es bei uns weiter? Wir erstellen gerade zwei weitere Hintergrundpapiere. Das eine befasst sich mit der Frage was die Konsumentin/der Konsument wirklich zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise beitragen kann, das andere fragt nach den Finanzmärkten, die wir für ein nachhaltiges Wirtschaften brauchen – oder eben nicht brauchen. Beides natürlich unter Berücksichtigung der Genderperspektive. Das heißt, wir werden die begonnenen Diskussionen weiterführen. Das Interesse daran ist groß. Schade ist nur, dass das gut einjährige Projekt demnächst ‚ausläuft‘. Wir bemühen uns um eine Weiterfinanzierung, auch damit die gerade beginnenden Diskussionen in den Frauenorganiationen nicht wieder im Sande verlaufen. Dafür sind wir natürlich für jede Unterstützung von Ihnen dankbar.
  • Darüber hinaus wünschen wir uns und fordern Sie dazu auf, die Diskussion über Green Economy / Rio+20 (auch nach der Rio+20-Konferenz) in den Parteien, Fraktionen, Ministerien um die Aspekte Gender, Care und Gerechtigkeit zu erweitern.
  • Trotz aller Kritik am Wirtschaftssystem ist uns die Weiterentwicklung einer umweltgerechten, ressourcenschonenden und emissionsarmen Produktion wichtig; hier kann und muss deutlich mehr geschehen – und hier müssen dringend Frauen bei der Entwicklung und Rahmensetzung einbezogen werden.

Die Vorbereitungen auf den Rio+20-Prozess sind in vollem Gange und lassen leider befürchten, dass die Menschenrechte und Frauenrechte gekippt werden. Das müssen wir gemeinsam verhindern, weil diese die Grundlage für jede Form von Gerechtigkeit sind. Wir setzen und hoffen dabei auch auf Sie, vor allem, wenn Sie planen nach Rio zu fahren.

Zur Autorin: Ulrike Röhr leitet bei LIFE e.V. den Bereich genanet – Gender, Umwelt, Nachhaltigkeit  und koordiniert das Projekt Green Economy Gender_Gerecht. Kooperationspartner ist der Deutsche Frauenrat, die Bundesvereinigung von Frauenverbänden und Frauengruppen in Deutschland.  

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